Interview mit Sebastian Elsässer

anläßlich des Kurses "Seelsorge auf der Intensivstation" im Mai 1997

(Vom Video abgeschrieben)

Peter Frör:

Was hat dich zu der Teilnahme an dem Kurs veranlaßt? Du bist ein vielbeschäftigter Mann und Therapeut.

Sebastian Elsaesser:

Ich denke, auf der Intensivstation passiert etwas Außergewöhnliches. Da ist etwas in Bezug auf Bewußtseinszustände los, was normalerweise nicht berücksichtigt wird, auch wenn ja die körperliche Sorgfalt und all das, was sich damit verbindet, ungeheuer groß ist und aufwendig, was in dem Bewußtsein der Menschen geschieht oder in dem Unbewußtsein, was in diesen komatösen Zuständen geschieht, was in diesen Übergängen geschieht, was in diesen Alpträumen beim Aufwachen geschieht, was auch von einer anderen Welt hier reingetragen wird. Das ist so sehr vernachlässigt, so unbekannt, so wenig erforscht möchte sogar sagen, daß das für mich gar keine Frage war sofort ja zu sagen, als dieses Angebot bestand.
Und was mich da besonders auch bewogen hat, daß ich denke, daß die Klinikseelsorger eine ganz besondere Rolle haben, weil ein Arzt auf seinem Gebiet ist zunächst einmal so gefordert von der physischen und funktionellen Sorgfaltspflicht, daß da gar nicht so viel Raum da ist, so daß ich es sehr sinnvoll finde, daß es Menschen gibt wie ihr seid, die dahin kommen und im Grunde genommen Zeit haben, Zeit haben, in diese andere Zeit,in der diese Menschen die dort sind, leben, die leben in einer anderen Zeit als alles, was drum herum geschieht, die haben ein ganz anderes Zeiterleben, und das man da sich langsam versucht anzunehmen, und deshalb finde ich das da einen hervorragenden Einstieg, daß da eine Arbeit geschieht, die dann auch kommuniziert werden kann an das Pflegepersonal und später vielleicht auch an die Ärzte und das in einen Zusammenhang gestellt wird und auch die Globalität dieser Erfahrung gewürdigt wird.
Eines was notwendig ist, daß wir sie betrachten als Menschen, die in einem anderen Bewußtsein leben, also in einem Bewußtsein und nicht einfach weg sind. Die sind in irgendeiner Form anwesend, und sie haben etwa in ihrem Zustand zu tun, zu sagen, zu erleben, was wir nicht mitbekommen können.

Peter Frör:

Glaubst du, daß das Menschen, die keine Therapeuten sind, sondern wie wir, Pfarrer und Pfarrerinnen, Seelsorger und Seelsorgerinnen der Kirche, daß die das können?

Sebastian Elsaesser:

Nummer eins, ganz klar ist, daß es irgendjemand versuchen soll, es geht nicht um ein Können, sondern um die Anstrengung, es zu machen. Das können Angehörige sein, das können Familienmitglieder sein, das kann ein Liebender sein, da braucht man keine therapeutische Ausbildung. Es geht darum, daß man es versucht, daß man die Möglichkeit sieht, daß man sagt, ich betrachte diesen Menschen nicht als ein Stück Fleisch oder Gemüse, sondern ich betrachte ihn als Mensch und ich gehe da schrittweise hin. Ganz nüchtern, und gleichzeitig auch in dem Versuch, sich anzunähern. Deshalb gilt das für Angehörige genauso wie für Seelsorger und für jeden, der Mensch ist. Daß es da natürlich eine professionelle Kompetenz gibt, die es auszubilden gilt, die diese Fähigkeit steigern kann, daß man lernen kann, mit bestimmten Grenzsituationen besser umzugehen, ist gar keine Frage. In dieser Situation hier sind es die Seelsorger, die hierzu prädestiniert sind, weil sie den freien Zungang dorthin haben, die Möglichkeit dazu und auch die Möglichkeit, sich das know-how zu erwerben, mit diesen Zuständen umzugehen. Dazu gehört die Bereitschaft, sich auf diese Grenzsituation einzulassen, dazu gehört diese Nüchternheit, dazu gehört die Bereitschaft, sich auf völlig unsicherem Terrain zu bewegen, wo man nicht mehr weiß, wo man ist, denn die Menschen im Koma wissen oft auch nicht, wo sie sind, das gehört alles dazu, und da schrittweise weiterzugehen, und dann gehört noch dazu die Kommunikation mit dem ganzen Umfeld. 
Sie sind auf einer anderen Seite und es gehört dazu, daß wir lernen, sie dort abzuholen, wo sie sind. Koma ist sehr häufig ein Zustand der Unentschiedenheit und das nicht-ganz-klar-sein, wo man hingehen soll, in den Tod oder ins Leben. Es ist aber nicht eine Zeit, wo man unentschieden ist aus Blödheit, sondern eine wichtige Zeit, und die Möglichkeit besteht, die wir längst nicht ausgeschöpft haben, die vielleicht in archaischen Völkern viel bekannter ist als bei uns, daß wir in eine Beziehung treten können zu den Menschen, da wo sie sind, mindestens andeutungsweise. Sie sind häufig ja selbst orientierungslos, wissen nicht, wo sie sind, was da geschieht, und es ist ein ungeheurer Beitrag, wenn es Menschen gibt, die nur einen Moment, einen ganz kleinen Moment mit ihnen dort sind.

Peter Frör:

Kannst du noch einmal sagen, ob du auch eine Idee dazu hast, was der Gewinn ist dieser Anstrengung, sich auf so einen Weg zu machen.

Sebastian Elsaesser:

Der Gewinn, sich auf so einen Weg zu machen, der ist, meine ich, unmittelbar erfahrbar. Wenn du auf eine Intensivstation kommst in diesem Geiste, merkst du, daß eine Intensität dort ist, wo das Wesentliche innerhalb von ein paar Minuten oder Sekunden ablaufen kann; gleichzeitig kann es monatelang dauern, aber eine Kommunikation mit einem Menschen, wenn er mal wach ist, kann in fünf Minuten eine ganze Welt bedeuten, ein ganzes Leben bedeuten, d.h. du bist unmittelbar an der Front oder an der Quelle, wo Leben und Tod stattfindet. Man könnte auch sagen, daß diese Intensivstation eine Art sehr eigenartiger extremer Ort spiritueller Erfahrung ist. In einer so konzentrierten Form, wie man es selten findet, weil alle Leute, die dort sind, sind hundertprozentig gefordert, hundertprozentig, und das 24 Stunden am Tag, es gibt da nie eine Nacht in dem Sinn, wo es Ruhe gibt davon. Und dieses Gefordertsein ermöglicht etwas, was sehr bereichernd ist.

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