Wissenschaftliche Studie am Klinikum der Universität München zur psychischen Belastung und Zufriedenheit der Familienangehörigen von Patienten der Intensivstation.

Gedenkfeier für die Verstorbenen am Klinikum der LMU 2009Seit einigen Jahren werden bei der Behandlung von Patienten der Intensivstation vermehrt die Familienangehörigen mit berücksichtigt. Zum Einen wird davon ausgegangen, dass Familienangehörige bei der Behandlung des Patienten eine große Hilfe darstellen können. Zum Anderen wird jedoch auch gesehen, dass der Aufenthalt des Patienten auf der Intensivstation für seine Lieben eine enorme Belastung darstellt. Daher wächst in letzter Zeit die Zahl der wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich mit der psychischen Belastung der Angehörigen von solchen Patienten auseinandersetzen. Ebenso tritt die Zufriedenheit der Angehörigen und Familienmitglieder mit der Behandlung immer mehr in den Vordergrund des Interesses.

Da im deutschsprachigen Raum bisher noch kaum Studien zu diesem Thema vorliegen, wurden im vergangenen, Jahr im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Klinikum der Universität München und dem Department Psychologie, Lehrstuhl Klinische Psychologie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München, zwei Diplomarbeiten zu dieser Thematik durchgeführt.

Hierzu wurden die Angehörigen aller im Zeitraum Januar 2006 bis Dezember 2007 verstorbenen Patienten der Intensivstation angeschrieben und um Teilnahme gebeten. Sie erhielten ein umfangreiches Fragebogenpaket (Fragen zu soziodemographischen Daten, zur Zufriedenheit mit der Behandlung und Betreuung in der Intensivstation und zu eigenen körperlichen und psychischen Beschwerden). Insgesamt erklärten sich 54 Familienangehörige bereit,  an der Befragung teil zu nehmen.

Es stellte sich heraus, dass ein Großteil der Familienangehörigen durch die Intensivstationserfahrung psychisch sehr belastet war. So erfüllte fast die Hälfte der Angehörigen alle Kriterien für die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung, einer psychischen Auffälligkeit, die nach einem sehr belastenden Ereignis, wie eben der Tod eines nahen Angehörigen, auftreten kann. Über ein Drittel der untersuchten Personen hatten deutlich erhöhte Angstwerte und mehr als ein Viertel  neigten zu depressiven Symptomen, d.h. zu einer Stimmungslage, die deutlich niedergedrückt ist und mit sehr starker Traurigkeit einhergeht.. Auch in anderen psychischen Bereichen (hier vielleicht noch ein paar Beispiele erwähnen?) zeigten sich belastungsbedingte Auffälligkeiten.

Die Untersuchung konnte zeigen, dass die psychische Belastung annähernd gleich ist, unabhängig davon, ob die Angehörigen lebenswichtige Entscheidungen bzgl. des Patienten treffen mussten oder nicht. Andererseits zeigen die Ergebnisse aber auch, das Angehörige, die Entscheidungsträger waren, mehr einer psychischen Auffälligkeit leiden, die als „Komplizierte Trauer“ bezeichnet wird. Diese ist eine besonders schwere Trauer, die auch lange Zeit nach dem Tod des Angehörigen andauert, durch sehr starke Gefühle (Wut, Schuld, Angst), Impulse sich zurückzuziehen und sogar durch Schwierigkeiten beim Essen und Schlafen gekennzeichnet sein kann.

Gleichzeitig offenbarten die meisten Familienangehörigen, unabhängig von der Beteiligung an Entscheidungsprozessen, eine hohe Zufriedenheit mit der Behandlung des Patienten und ihren Erfahrungen auf und mit der Intensivstation. Die Zufriedenheit war hierbei in großen Teilen unabhängig vom Ausmaß der empfundenen psychischen Belastung.

Es tut sich die Frage auf, ob es vermeidbare Stressoren für Angehörige gibt und wie die Belastung während der Behandlung des Patientenauf Intensivstation aufgefangen bzw. gemildert werden können. Hierzu sind weitere Untersuchungen notwendig. Auf alle Fälle aber zeigt sich, dass auch Angehörige von Intensivpatienten gefährdet sind, gesundheitliche Folgeschäden davonzutragen. Daher gebührt auch ihnen ein besonderes Augenmerk im Gesundheitsauftrag der Kliniken.

Den ausführlichen Abschlußbericht der Studie finden Sie hier


 

Sophie Wiedner
Silvia Delfs
Markos Maragkos
Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Ludwig-Maximilians-Universität München
Thomas Kammerer, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München


 

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