Sterbebegleitung - Erfahrungen eines katholischen Pfarrers

Von Th. Schwaiger, München

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Ein Handbuch ist zum Nachschlagen da. Auf präzise Fra­gen will es präzise Antworten geben.

Der Tod und das Sterben kennen keine Präzision. Sie sind Schicksal und Geschichte wie das Leben überhaupt. Dem Be­obachter und Begleiter entzieht sich die Klarheit der Frage und damit die Eindeutigkeit der Antwort. Der Machbarkeit stellt sich die Ohnmacht gegenüber.

Für eine überschaubare Zeit einer Intensivbehandlung ist für Ärzte, Ärztinnen, Schwestern und Pfleger Notwendig­keit, das Augenmerk unabgelenkt und fokussiert auf das Be­handelbare und Machbare zu lenken. Solch klarer Blick ist Grundbedingung, Leben zu retten und bewahren zu können.

Es gibt keinen Grund, die Intensivmedizin (auch mit ih­rem apparativen Aufwand) in irgendeiner Weise zu dämonisieren, wie es in der Öffentlichkeit gelegentlich geschieht.

Sobald der Tod seinen Schatten wirft, wird die Intensiv­station eines Krankenhauses zur letzten Station der Ge­schichte eines Menschen. Und alle die dabei sind, auch der Arzt, die Ärztin, der Pfleger und die Schwester, gehen deut­lich ein in die Geschichte des Sterbenden: sie waren die letz­ten, "die dabei waren". Wer wirklich "dabei" sein möchte, wird sich öffnen müssen für eigene Betroffenheit.

Ich bin beeindruckt, wie sehr sich immer wieder Ärzte und Ärztinnen, Schwestern und Pfleger anrühren lassen von der Geschichte von Menschen. Viele Gespräche, vor allem in den ruhigeren Nachtstunden, über solche Betroffenheit sind mir in intensiver Erinnerung.

Den Weg eigener Betroffenheit zu gehen, lohnt sich. Wir berauben dann nicht Sterbende ihrer Geschichte und uns nicht unseres Erlebens. Wir werden auch wissen, wann wir aufhören können, zu "machen". Deshalb keine Ratschläge und Regeln zum "Sterben auf der Intensivstation" sondern Geschichten Sterbender und Geschichten der Betroffenheit Mitgehender.

Aus Geschichten kann man lernen, aus eigener Geschichte am meisten!

Der Tod von Hubert F.

Ein Autounfall war es, wird mir erzählt, als ich am Bett von Hubert F. stehe. Er liegt unbekleidet im Bett, halb mit ei­nem Leintuch bedeckt; er ist maschinell beatmet. Am Kopf­ende erzählen Monitore von den Vitalfunktionen seines Kör­pers. Über Infusoren wird dem Körper zugeführt, was er braucht. In dem Raum der Intensivstation sind drei weitere Patienten, ebenfalls künstlich beatmet, wie Hubert F. ohne wahrnehmbares Bewusstsein.

Die Erstversorgung sei bereits geschehen, wird mir erzählt. Ob er überleben wird, sei unklar; es stehe kritisch . . . Als persönliche Daten erfahre ich, dass Hubert F. 24 Jahre alt ist und ledig. Die Angehörigen kämen am Nachmittag. Ob ich nicht am Nachmittag wiederkommen möchte, um zu hel­fen, fragt mich eine Schwester.

Als ich um drei Uhr wiederkomme, warten vor der Inten­sivstation auf einer Bank in einem kahlen langen Gang die Eltern. Die Begrüßung ist sachlich. Die Eltern sind ver­schreckt und haben in erster Linie Angst, was sie nun sehen werden. Das scheint im Augenblick ihr größtes Problem zu sein: die Angst vor der Atmosphäre auf einer Intensivstation, die Angst, etwas nun falsch machen zu können.

Die meisten Menschen haben keine Erfahrung mit dem Rahmen der Intensivmedizin, aber jeder hat unüberprüfte Vorstellungen. Phantasien lösen Angst aus.

So gut ich kann, versuche ich vor der Türe zu beschreiben, was der erste Eindruck sein wird. Ich erzähle von der Schutz­kleidung, die anzuziehen ist, ich erzähle, dass der Patient ei­nen sichtbaren Verband am Kopf und einem Arm trägt, ich erzähle von den technischen Geräten, die wahrzunehmen sein werden. Soweit ich als medizinischer Laie es kann, beschreibe und erkläre ich die sichtbaren "Schläuche und Drähte". Wich­tig ist mir der Hinweis, dass "das meiste" zur Überwachung geschieht und zur Unterstützung "normaler" vitaler Prozesse; der Sohn hat sich nicht in ein technisches Gerät verwandelt. Ich erzähle von den anderen Patientinnen und Patienten, die zu sehen sein werden. Ich berichte, wie sorgfältig und liebe­voll das "Team" mit den Patienten umgeht.

Ich scheine die ersten Bedürfnisse der Angehörigen getrof­fen zu haben. Der Versuch meiner Beschreibung scheint die große Angst vor dem ersten Eindruck zu mildern, dazu meine Zusage, dass ich - wenn es mir die Angehörigen gestatten - mitgehen möchte.

Erzählende Information kann Angst lindern.

Die Eltern von Hubert F. erzählen mir aus dem Leben ihres Sohnes: von seinem Studium, dass er bald heiraten möchte, dass er ein guter Sohn sei - und eben auch von dem schreck­lichen Unfall, dass er "schuld sei", vom Besuch der Polizei. Sie haben Bedürfnis zu reden; ich frage nach, zeige Inter­esse ... In mir entsteht die anfängliche Gestalt eines Men­schenlebens in ihrer Beziehung zu anderen.

Erzähltes und erfragtes Menschenleben gibt einem Men­schen zunehmend innere Gestalt und lässt ihn zu einem dauerhaften Gegenüber werden.

Ich gehe zunächst alleine in die Intensivstation, schaue, ob im Augenblick "Verrichtungen" am Patienten geschehen, die einem Beobachter Angst machen könnten. Ich bemühe mich, einen Arzt zu finden, der einige Minuten sich Zeit nehmen kann für die Angehörigen. Ein Assistenzarzt bietet sich da­für an. Er bittet die Angehörigen einzutreten. Sie legen die Schutzkleidung an; ein unaufdringlich freundlicher Pfleger hilft dabei. Irritiert schauen sich nun die Eltern des Patien­ten gegenseitig an, wie sie in so fremder Kleidung voreinan­der stehen. Die Angst wird größer. Gemeinsam gehen wir an das Bett von Hubert F. Die Situation ist geprägt von einer Lähmung der Gefühle und von Unsicherheit. Die Au­gen der Angehörigen gehen durch den Raum, bleiben an den vielen technischen Dingen hängen, zuletzt an der Gestalt des verletzten und sauber verbundenen Sohnes.

Schutzkleidung und technische Geräte anonymisieren und isolieren.

Auch wenn nicht klar ist, was der Patient hört oder wahr­nehmen kann: der Arzt spricht den Patienten an, sagt, dass seine Eltern da sind. Den Angehörigen tut das gut; der Sohn wird als Mensch behandelt. Anrede ist ein Zeichen dafür. Und noch einmal erklärt eine Schwester die Bedeutung des­sen, was zu sehen ist. Die Angehörigen haben Scheu, ihren Sohn zu berühren. Ich nehme die unverletzte Hand des Pa­tienten, lade die Mutter ein, ebenfalls ein Zeichen der Be­rührung zu geben. dass eine Schwester zärtlich den Patien­ten berührt, tut den Dabeistehenden wohl. Bei den Ange­hörigen wächst das Vertrauen, dass der Sohn an einem gu­ten und heilenden Ort ist.

Anrede ist Zeichen menschlicher Bei ist Gegenseitigkeit und Zeichen von Heil.

Jetzt ist der Zeitpunkt für ein aufklärendes ärztliches Ge­spräch. Die Eltern werden konfrontiert mit der hohen Le­bensbedrohung des Sohnes.

Ich bin etwas betrübt, dass wegen der räumlichen Gege­benheiten dieses Gespräch "zwischen Tür und Angel" geführt werden muss. Ein Ort des "Platznehmendürfens" wäre hilf­reich. dass sie jederzeit anrufen können, dass sie jederzeit an das Bett ihres Sohnes dürfen, nehmen die Eltern mit großer Erleichterung auf.

Sie gehen wieder zu ihrem Sohn ans Bett. Die Mutter spricht leise etwas zu ihrem Sohn. Für den Augenblick wird Abschied genommen durch eine hilflose Geste der Berührung.

Ich werde gebeten, am Abend das Sakrament der Kran­kensalbung zu spenden; die Freundin von Hubert F. soll mit dabei sein.

Vor der Station bricht der Vater in Tränen aus. Ich bin wieder unglücklich, dass es jetzt keinen Raum der Intimität gibt, in den man sich zurückziehen könnte. Tränen brau­chen einen Schutzraum.

Menschen in der Krise sind innerlich desorientiert; sie su­chen nach einem inneren und äußeren Ort, an dem sie geschützt "da sein" dürfen.

Vor der Verabschiedung verspreche ich, auch wenn die An­gehörigen nicht da sind, öfter einmal nach dem Sohn zu schauen.

Am Abend treffen wir uns zu einer erneuten Begegnung. Als ich komme, sind die Eltern und die Verlobte bereits am Bett des jungen Mannes. Sein gesundheitlicher Zustand hat sich weiter verschlechtert.

Ich möchte nun das Sakrament der Krankensalbung spen­den, Zeichen von Ohnmacht und Hoffnung zugleich.

Die Rahmenbedingungen sind schwierig: Es sind auch an­dere Patienten im Raum und deren Angehörige; eine Patientin wird augenblicklich behandelt.

Das sind Gegebenheiten einer Intensivstation..., für eine solche Situation nicht angenehm, aber sachlich bedingt.

Ich stelle mich auch bei den Angehörigen der anderen Pa­tientinnen und Patienten vor, sage warum ich da bin. Diese Information scheint etwas zu ängstigen.

Ich bete nun mit den Eltern und der Freundin. Halblaut sprechen wir das Vater unser, fast murmelnd. Ein Arzt ist dabeigeblieben.

Ich spüre eine Spannung zwischen dem notwendigen Rah­men der Technik und dem ohnmächtigen Raum des Gebetes.

Es gibt eine herausfordernde Spannung zwischen inne­ren Vollzügen und äußeren Gegebenheiten

Fast bis Mitternacht bleiben nun die Angehörigen am Bett des Sohnes und des Freundes.

Gegen Morgen des nächsten Tages stirbt Hubert F. Die Angehörigen sind nicht dabei.

Als sie in die Klinik kommen, können sie den Leichnam nicht mehr sehen. Es gibt keinen Raum bei der Station für eine kurzfristige Aufbewahrung.

Abschied will sichtbar vollzogen sein.

Das Sterben von Erna T.

Es ist bereits die dritte Woche, dass ich Frau Erna T. auf der Intensivstation besuche. Frau T. ist 76 Jahre alt, ledig, lebt zusammen mit ihrer Schwester. Frau T. liegt wegen ei­nes Nierenversagens auf der inneren Intensivstation.

Täglich bekommt sie Besuch von ihrer fünf Jahre jünge­ren Schwester Anna. Anna sitzt meist schweigend neben dem Bett ihrer schwerkranken Schwester, geduldig, abwartend.

Ein kleiner privater "Hansel" bringt fast eine private At­mosphäre in das Bett. Und das Photo eines kleinen Buben, das auf dem Nachttisch steht, lädt ein zum Nachfragen. Die­ses Bild ist Zeichen menschlicher Geschichte.

Private Gegenstände und Erinnerungsstücke sind Zeichen menschlicher Beheimatung und individueller Geschichte.

Bei meinen Besuchen bei Frau T. ist das Thema der Tod. Frau T. ist lebenssatt, möchte gerne "heimgehen", hat Angst, dass "zu viel getan wird". "Die wollen mich gesund machen", sagt Frau T., "dabei möchte ich so gerne sterben".

Die Kirche ist Frau T. und ihrer Schwester fremd gewor­den. Glauben, so sagt sie, kann sie nicht mehr. "Ich habe zu viel gesehen in meinem Leben. Und sie erzählt Geschich­ten ihres Lebens, sie erzählt mir und ihrem "Lieblings­pfleger"...

Sie freut sich über meine Besuche; "Sie sagen wenigstens nicht immer: es wird schon wieder".

Die einzige Angst, die sie hat, ist, mit Schmerzen sterben zu müssen. Auch mit den Ärzten und Ärztinnen redet sie über ihren Tod. Und sie bekommt das Versprechen, dass ihr ge­holfen wird, wenn sie nicht mehr um Hilfe bitten kann. Auch das Versprechen tut ihr gut, dass sie nicht "künstlich am Le­ben erhalten wird". Diese Zusage macht sie sichtlich gelassen.

Die Themen "Tod und Sterben" wollen mit ihren dazu­gehörigen Gefühlen unwidersprochenen Raum der Aus­sprache, unabhängig von medizinischer Diagnose oder Prognose; der Sterbende wird dabei seine Sprache wählen.

Der körperliche Zustand verschlechtert sich zunehmend. Frau T. ist nur noch schwach ansprechbar, reagiert etwas mit den Augen.

Die Ärzte und das Pflegepersonal reden sie an, streichen auch mal mit der Hand über ihren Kopf. Ihre Schwester ist nach wie vor täglich zu Besuch. Schweigend sitzt sie neben der sterbenden Schwester. Sie ist dankbar, dass sie abends auf der Station bei ihrer Schwester essen darf.

Nachmittags hole ich sie zu einer Tasse Kaffee zu mir in mein Arbeitszimmer.

Das Krankenhaus mit seinen Intensivstationen ist zeit­weise "Lebensort" der Angehörigen, die hier eigene Krise zu bewältigen haben.

Als Frau T. stirbt, ist ihre Schwester bei ihr. Die Monitore beginnen "verrückt zu spielen": die Herzkurve wird ein wil­des Flattern, der Alarm spricht an. Der Blick der leiblichen Schwester ist gebannt auf den Monitor gerichtet: ein ge­spanntes Warten auf den letzten Herzschlag. Auch ich kann mich dem nicht entziehen. Eine Ärztin schaltet die Geräte ab. Sie sollen nicht ablenken von dem, was geschieht: Eine Frau stirbt, begleitet von ihrer Schwester. Die Monitorda­ten sind jetzt nicht mehr wichtig. Nach wenigen Minuten steht das Herz von Frau T. still. Erna T. ist gestorben.

Durch bewusste, aufmerksame und sorgfältige Gestaltung von Rahmenbedingungen einer Situation, kann man Blickrichtungen auf das zum Zeitpunkt Wesentliche lenken.

Die Schwestern bitten die Schwester von Frau T. für ein paar Minuten vor die Türe. Der Leichnam von Frau T. wird von den Sensoren, dem Katheter, den Infusionen befreit. Das Bett wird als letzter Dienst ein letztes Mal frisch gerichtet. Die Schwester von Frau T. soll in guter Weise Abschied nehmen können von ihrer Schwester; sie wird ein Bild sehen, an das man sich ohne Furcht erinnern kann. Ich lade die trauernde Frau ein, zum Abschied ihrer Schwester mit der Hand ein Kreuz auf die Stirne zu zeichnen. Auch wenn die Schwester von Frau T. ebenfalls "kein Kirchgänger" ist, als letzte Ge­ste des Abschieds tut ihr dieses Zeichen gut.

Das letzte "Bild" und die letzte Geste bleiben in Erin­nerung

Ein Pflegeschüler hat die Zeit, die Schwester von Frau T. zum nächsten Taxistand zu begleiten. Am nächsten Tag wird sie mich noch mal besuchen. Das Geschehene soll in der Spra­che noch mal nachvollzogen werden.

Der Tod eines Kindes

Ich werde auf die Kinderintensivstation gerufen. Ein Kind liegt im Sterben.

Auf der Station zunächst (für mich) das übliche Durch­einander: Kittel umziehen, es weiß niemand Bescheid, wo ich eigentlich hin soll, alle sehen gleich aus. Ich halte einen Arzt für einen Pfleger, einen Vater in Schutzkleidung für ei­nen Pfleger…

Ich werde an das Bett des Kindes geführt, kurz nachdem mir mitgeteilt worden war, dass das Kind wohl schon hirn-tod ist.

Ich nehme als erstes ein äußerlich unverletztes gesund aus­sehendes Kind wahr, das beatmet wird. An dem Bett sitzen die Mutter (sie hat rot geschwollene Augen und weint) und der Vater; beide sitzen sie auf verschiedener Seite des Bet­tes. Die Eltern können sich aus irgendeinem Grund nicht in die Augen blicken.

Sonst befindet sich in dem Pflegezimmer in einem Wär­mebett ein Säugling, der schrecklich laut weint, und ein etwa dreijähriges stark verbundenes Kind, das mit seiner Mutter spielt und scherzt.

Die scherzende Mutter auf der einen Seite und die wei­nende auf der anderen bringen mich in ratlose Spannung.

Ich gehe zu dem Bett "meines" Kindes. Ich schweige, bin hilflos, habe vergessen mir irgendwelche Informationen "zu­vor" geben zu lassen.

Ich lege die Hand auf die Schulter der weinenden Frau. Das Schluchzen verstärkt sich. Der Vater schaut flehend zu seiner Frau, dann zu mir.

Die Mutter bricht das Schweigen: "Es ist wohl nichts mehr zu machen ..."

Ich frage: "Wann ist es passiert?" - "Gestern Abend . . .". Ich habe Scheu, mehr zu fragen. Ist ja auch egal, denke ich mir. Was ich sehen muss, sehe ich ja: ein sterbendes Kind.

Ich biete Krankensalbung und Gebet an. Kurzes Gespräch zwischen den Eltern, ob "es" jetzt gleich sein soll oder wenn am Abend die Großeltern kommen. Sie entscheiden sich für gleich.

Erst jetzt frage ich nach dem Namen des Mädchens. "Es ist ein Junge", - sagen die Eltern. Er heißt Stefan. Ich spende die Krankensalbung mit ganz spärlichen Worten. Ich habe nichts zu sagen, bin verwirrt. Nach einer Ewigkeit quälen­den Schweigens verabschiede ich mich bis zum Abend.

Der professionelle Begleiter hat das Recht, sich selbst u. U. zerrissen, voll Spannung und Angst, sprachlos zu erfah­ren. Er muss wissen, dass auch seine Gefühle der Situa­tion Gestalt geben.

Am Ausgang hält mich ein Arzt auf. Er berichtet mir, dass der Junge als Organspender vorgesehen ist. Ob ich vielleicht helfen könnte, dass die Eltern ihr Einverständnis geben. Die­ses Gespräch wird für den Folgebesuch vertagt.

Nach drei Stunden gehe ich zum zweiten Mal an dieses Bett. Auf der Station ist es ruhiger geworden. Ich treffe am Bett den forensischen Arzt Prof. X., den ich von einer ver­gleichbaren Situation her kenne. Das Kind, es sieht aus wie am Nachmittag, sei mit Sicherheit tot, sagt er.

Die Mutter des Kindes weint, mit meinen Händen versu­che ich ihr Halt zu geben. Diese Geste stimmt! Sie erzählt mir stockend und immer wieder von Weinen unterbrochen, von der geplanten Organspende und dass sie einwilligen möchte.

Berührung kann zum Zeichen gegenseitig getragener äußerster Not und Frage werden

Als eine Krankenschwester kommt, fragt sie, ob sie die ganze Nacht dableiben darf. Die Mutter hat noch nicht verstan­den, dass ihr Kind bereits tot ist. Wie kann sie auch! Ich ver­stehe auch nichts. Der Junge sieht so gesund aus...

Leugnung und Anerkennung von Wirklichkeit können gleichzeitig bei einem Menschen Gestalt gewinnen.

Ich gehe kurz in den Vorraum. Dort sind der Professor und der Arzt im Gespräch. Die Schwester kommt dazu und meint hilflos, die Mutter wolle bleiben . . . Der Professor telefo­niert mit der nächsten Universitätsklinik wegen der Trans­plantation.

Zu mir sagt der Arzt, der Junge solle möglichst bald in den Operationssaal, damit die Spendeorgane entnommen werden können. Für mich: Organe aus einem "lebenden Leichnam"..

Die Großeltern sind inzwischen gekommen und der Bru­der der Frau. Die Großmutter führt nun das Regiment. Sie redet viel, neue Fragen, neue Ratlosigkeit. Der Großvater sagt kein Wort; er streichelt die Hand des Jungen. Der junge Onkel des Jungen, er ist etwa 20, hält es nicht aus; er reißt sich den Schutzkittel runter und rennt auf den Balkon.

Die Atmosphäre an einem Ort der Krise wird durch die gleichzeitige Anwesenheit vieler betroffener Personen ver­schärft; sie ist schwieriger wahrzunehmen und zu bewäl­tigen. Es gibt keinen Konsens der Gefühle; letztlich ist jeder für sich allein.

Und immer wieder schaue ich den Jungen an, halte die warme Hand eines Toten. Eine Schwester gibt ihm Augen­tropfen, ich weiß warum; mich gruselt es.

Der Kinderarzt holt mich zu sich. Er bittet mich, mitzu­helfen, dass die Angehörigen bald gehen; die Organe wür­den jetzt gebraucht. Er erklärt mir, dass der Junge beatmet in den OP kommt, dass erst nach der Organentnahme die Geräte abgeschaltet werden. Auch dem Arzt macht diese menschliche Tragödie sichtlich zu schaffen.

Ich gehe zurück zu den Eltern des Kindes. Sie reden ge­rade über die Transplantation, wollen medizinische Daten, glauben nicht, dass der Sohn tot ist, glauben's dann doch, fragen mich um Rat. Dabei bin ich selbst ratlos. Ich beziehe Stellung und sage, dass es für ein anderes Kind Überlebens­chance sei, wenn die Organe zur Verfügung stünden. Und wieder: medizinische Einzelfragen. Ich hole wieder den Arzt; er macht eine flehende Geste und geht mit mir zu den El­tern. Er erklärt nochmals geduldig, was die Eltern wissen wollen, auch dass der offizielle Zeitpunkt des Todes mit 17.00 Uhr angegeben wird...

In der Stunde menschlicher Krise brauchen Sachinforma­tionen u.U. lange, bis sie "ankommen".

Und der Junge schaut so gesund aus; rote und glänzende Lip­pen, glatte Zunge, ein warmer Körper, der zum "Liebhaben" einlädt. Plötzlich - für mich überraschend - stehen die An­gehörigen auf und machen sich zum Aufbruch bereit.

Ich biete an, gemeinsam noch einmal ein "Vater unser" zu beten. Das Angebot wird dankbar angenommen. (Der Junge sieht so lebend aus; ich muss mich anstrengen, Totengebet zu sprechen.)

Die Eltern verabschieden sich vom Arzt und einer Schwe­ster. Ich begleite die Familie schweigend zum Auto. Jeder geht für sich. Nur die Mutter des Kindes geht in Kontakt mit ihrem Mann.

Wann die Beerdigung wohl sei, fragt mich der Großvater des Kindes.

Ich habe das Gefühl, versagt zu haben. Ich bin völlig verwirrt.

Ich weiß nicht mehr, was "tot" ist.

Mir fällt ein, dass der Junge Stefan heißt.

Nicht jede Frage findet zu ihrer Antwort.

Statt Regeln: eine Sichtweise

· Mach dir bewusst: Neben dir stirbt ein Mensch. Mögli­cherweise sind diese Augenblicke die wichtigsten seines Lebens.

· Der Sterbende neben Dir kann sich häufig nicht mehr aus­suchen, von wem er die letzten Augenblicke seines Le­bens begleitet sein möchte. Du bist sein Begleiter: hier und jetzt.

· Auch wenn du für ihn nichts mehr tun kannst: Deine Ge­genwart ist möglicherweise wichtiger als jedes Tun. Ge­bet - in deinem Verständnis - kann eine solche Form heilender Gegenwart sein.

· Abwesende spielen für dich nur insoweit eine Rolle, als du sie dazurufen möchtest und kannst.

· Hilf nicht nur dem anderen, hilf auch dir oder bitte um Hilfe.

· Dein offener und wacher Blick wird dir zeigen, wann und wie du eine Situation hilfreich verändern kannst.

· Du machst dich nicht schuldig, wenn du aus eigener Be­troffenheit einen Sterbenden nicht begleiten kannst. Dann sorge für einen anderen Begleiter.

 


 

Erschienen in:

Handbuch der Intensivpflege: Pflegerische Praxis und medizinische Grundlagen;
Ein Lehr- und Arbeitsbuch für Mitarbeiter auf Intensivstationen / IV-12.1
Herausgegeben von Kl.-D. Neander, G. Meyer und H. Friesacher
Landsberg/Lech: ecomed. Losebl.-Ausg.
Grundwerk – 1993 - ISBN 3-609-71240-6
Änderung neue deutsche Rechtschreibung 2005

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