Dr. med. Michael Schröter-Kunhardt, Heidelberg

Abstract zum Workshop auf dem Kongress "Traumland Intensivstation" 2005

Bis zu 95% aller Patienten in äußerlicher Bewußtlosigkeit (z.B. im
Koma) oder im locked-in-Syndrom berichten von komplexen
Traumsequenzen, den sog. Oneiroiden. Diese sind formal durch ihren Realitäts-Charakter mit
nahezu normalem Ich-Erleben, durch Überwachheit, Hypermnesie, (zumeist) fehlende Steuerbarkeit, große Farbintensität der Bilder mit (Wach-) Traumcharakter, eine Aufhebung der Zeitdimension und ihren Charakter eines sinnvollen Verarbeitungsversuches der bedrohlichen Situation gekennzeichnet.
Der Erlebende spielt in dem szenischen Traumerleben, das für ihn in seiner Geschlossenheit den Charakter einer 'anderen Welt' bekommt, eine aktiv oder passiv partizipierende Rolle.
Inhaltlich handelt es sich bei den Oneiroiden um individuell unterschiedliche, weltimmanente und zumeist bedrohliche szenische Halluzinationen, die das völlige Ausgeliefertsein an die Krankheit, die Umwelt und den bedrohlich nahen Tod widerspiegeln und überwiegend mit negativen (angstvollen) Gefühlen einhergehen. Drei wesentliche Themata kommen häufig vor: Gefangener zu sein, etwas Falsches getan zu haben, um die Gefangenschaft zu rechtfertigen und das Thema Tod. Immer wieder scheint auch traumhaft verkleidet die eigene Biographie durch.
Eine Sonderform der Oneiroide sind die sog. Nah-Todeserfahrungen oder near-death experiences (NDEs), die formal den Oneiroiden entsprechen, bei ca. 20% aller Bewusstlosen/Reanimierten auftreten und sich inhaltlich von diesen in folgenden Kennzeichen unterscheiden: Transkulturell gleiche Grundelemente in individueller Ausgestaltung, überwiegend positive, selten auch höllisch-negative mystisch-religiöse Bilder und Gefühle, fotographisch genaue, distanzierte Wahrnehmung des Körpers und der Umwelt von oben, Welt- und Krankheitstranszendenz, offensichtliche Sinnhaftigkeit und deutliche (zumeist positive) Auswirkungen auf das weitere Leben.

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