Prof. theol. em. Hermann Stenger, Universität Innsbruck
PD Dr. Murrmann-Kahl

Abstract zum Workshop auf dem Kongress "Traumland Intensivstation" 2005

Das Proprium christlicher Spiritualität, an dem alle am System Intensivstation Beteiligten teilhaben können, ist zunächst als ein Verstehen des Daseins als Berufung durch Gott und zwar auf drei Dimensionen zu sehen:
(1)  Die Ermächtigung zum Leben (mit den Strukturelementen: Gestaltungsverantwortung, Fürsorge, Gehorsam gegenüber Gott), zielt auf die Subjektwerdung jedes Menschen, die jeglicher Verobjektivierung (Stichwort: Menschenwürde) widerspricht.
(2)  In der Erwählung zum Glauben ist es besonders wichtig zu sagen, dass Glaube ein persönliches Credo erfordert und in erster Linie ein kommunikatives Geschehen ist, ein Mit- und Füreinander von Menschen, das Biotope und Soziotope braucht.
(3)  In der "Berufung zum Dienst" geht es darum, die Ermächtigung zum Leben ("Empowerment") und die Erwählung zum Glauben unter Einbeziehung der Vielfalt von Charismen in Taten umzusetzen.
Diese Definition von Spiritualität versuchen wir in eine Spiritualität des klinischen Alltags zu übersetzen. Er geht davon aus, dass der Gesundungsprozess von Patienten an einem günstigen Gesamtmilieu hängt. Zu diesem gehören gesundheitsfördernde Beziehungen mit den Strukturelementen "Bei sich sein", "Beim Anderen sein" und "Bei Gott sein" ; zum "Bei sich sein" gehört die gründliche Selbsterforschung, bei der sich der Kehrseite der alltäglichen Rollen (In jedem Arzt steckt ein Patient und umgekehrt)entdecken lässt. Das "Beim Anderen sein" kann dem gesprächstherapeutischen Konzept folgen wie es Carl Rogers vorlegt mit den Komponenten bedingungslose Wertschätzung, Empathie, Echtheit und Transparenz. Im "Bei Gott sein" spricht sich die Erfahrung des Angenommenseins durch den Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs und Jesu aus, was eine besondere Erfahrung von Transzendenz ist, die sich gesundheitsförderlich auswirkt. Für den Heilungsprozess spielen gesundheitsfördernde Umgebungen und Räume eine wichtige Rolle. Eine solche Umgebung bedarf nach Stenger wie schon die Säuglingsforschung von Winnicot und Spitz zeigt, lebensfördernde , mütterliche und gastfreundliche Räume, in denen Patienten nicht Objekte medizinisch - curativer Massnahmen sind, sondern partnerschaftliche Subjekte eines gemeinsamen Prozesses aller im Krankenhaus Tätigen (Stichwort: Salutogenese). Jede und jeder ist wichtig im Hinblick auf das Gesamtklima einer Station, auf die spirituelle Aura einer Klinik, von der ein biophiler Wohlgeruch ebenso ausgehen kann wie ein nekrophiler Gestank.

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