Abstract zum Vortrag und zum Workshop beim Kongress "Traumland Intensivstation" 2005

Prof. Dr.med. Gustav Schelling, Klinik für Anaesthesiologie, Ludwig-Maximilians Universität, München

Alle höher entwickelten Lebewesen besitzen die Fähigkeit, emotional relevante Sachverhalte und Erlebnisse besser zu erinnern als emotional neutrale Erfahrungen. Diese Fähigkeit hat sich im Laufe der Evolution entwickelt und war sehr wahrscheinlich mit einem Selektionsvorteil assoziiert. Denn ursprünglich erlaubte dieser Mechanismus z.B. die gezielte Vermeidung potentiell gefährlicher Orte oder Umstände, anderer Individuen oder Spezies.

Die Speicherung emotional relevanter Informationen im Gehirn unterliegt dem direkten Einfluss von Stresshormonen, d.h. die gleichen Substanzen die im Rahmen einer Stressreaktion im Körper freigesetzt werden – wie z.B. das bekannte Stresshormon Adrenalin – aktivieren auch im Gehirn Bereiche, die wiederum für die intensivierte Speicherung von Informationen verantwortlich sind (z.B. das Mandelkerngebiet, das einen Teil des limbischen Systems bildet). Man bezeichnet diesen Effekt auch als "stresshormoninduzierte Gedächtniskonsolidierung“, ein Vorgang, den wir eigentlich alle aus eigener Erfahrung kennen, der uns aber nur selten bewusst wird. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Geschehnisse des 11. September 2001. Nahezu jeder, der diese Ereignisse am Fernsehschirm verfolgt hat, wird sich genau daran erinnern, wo er sich gerade befunden hat, was er gedacht oder empfunden hat oder mit wem er zusammen war, als er erstmals mit diesen Bildern konfrontiert wurde. Der Anblick dieses Geschehens löst eine Stressreaktion aus, die zu einer vermehrten Enkodierung all der Umstände und Empfindungen führt, die im Umfeld des Ereignisses stattgefunden haben.

Diese Phänomene gibt es natürlich nicht nur bei gesunden Normalpersonen, sondern auch in weitaus stärkerem Maße bei Individuen, die sich in extrem bedrohlichen Situationen befinden oder andere, schwer traumatisierende Erlebnisse haben. Auch die Intensivbehandlung lebensbedrohlicher Erkrankungen stellt eine derartige, außergewöhnlich bedrohliche Situation dar und ist oft mit einer erheblichen Stressexposition assoziiert. Daher berichten viele ehemals schwerstkranke Patienten auch noch Jahre nach einer Intensivbehandlung von traumatischen Erlebnissen und Erfahrungen wie Angst, Atemnot, Schmerzen oder von Alpträumen/Halluzinationen aus der Zeit der Intensivtherapie. In bis zu 30% der von uns untersuchten Intensivpatienten waren diese traumatischen Erinnerungen mit den Symptomen einer sog. Posttraumatischen Belastungsstörung assoziiert und die betroffenen Patienten waren bezüglich ihrer gesundheitsbezogenen Lebensqualität stark eingeschränkt. Von besonderem Interesse ist dabei, dass bei all diesen Patienten natürlich versucht wurde, durch Gabe von Schlaf- und Schmerzmitteln während der Intensivbehandlung eine weitgehende Bewusstseinsauschaltung zu erreichen. Jedoch gelingt die Ausschaltung des Bewusstseins bei Intensivpatienten immer nur unvollständig und auch nur für eine begrenzte Zeit. Eine der vielen Ursachen dafür kann in der oben erwähnten Aktivierung des zentralen Nervensystems (ZNS) durch Stresshormone liegen, die auch bei scheinbar schlafenden Schwerkranken zu einem gewissen Grad an Bewusstsein bzw. Gedächtnisfunktion führen kann. Weiterhin ist bekannt, dass Erkrankungen, die mit schweren Entzündungsreaktionen des Gesamtorganismus einhergehen, häufig von Alpträumen und Halluzinationen begleitet sind. Die sog. &dbquo;Fieberphantasien“ bilden hierfür ein gutes Beispiel. Sie entstehen sehr wahrscheinlich als Folge des Einflusses von Entzündungsmediatoren auf das ZNS. Wegen der gleichzeitig bestehenden massiven Stressreaktion werden die Inhalte dieser Alpträume und Halluzinationen dann auch besonders gut, intensiv und für lange Zeit erinnert. Für viele Patienten ist es daher oft schwierig, in der Zeit nach der Intensivbehandlung Erinnerungen an wahnhaftes Erleben und reelle Vorgänge während der Intensivtherapie zu unterscheiden. Dieser Zustand ist dem Erwachen nach einem Alptraum bei gesunden Individuen nicht unähnlich, kann aber Monate dauern und wird als sehr viel bedrohlicher erlebt.

Zusammenfassend haben unsere Untersuchungen gezeigt, dass Wachheit und reales bzw. irreales Erleben bei Intensivpatienten häufig ist. Man muss aber betonen, dass unsere Patienten keine schweren, direkten Hirnschädigungen aufwiesen und sich daher fundamental von sog. Wachkoma-Patienten unterscheiden. Unsere Ergebnisse sind daher keinesfalls auf diese Patientengruppe mit chronischer, schwerer Schädigung des ZNS übertragbar.

Als therapeutische Konsequenz weisen unsere Erkenntnisse und die anderer Forschergruppen darauf hin, dass eine gezielte Manipulation der Stressreaktion während und nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung oder massiven Stressexposition anderer Ursache sowohl zur Prophylaxe wie auch zur Behandlung chronischer Stresserkrankungen beitragen kann. Erste Ansätze hierfür stellen z.B. Medikamente dar, die die Stresshormonwirkung abschwächen bzw. gezielt verändern. Hierzu zählen z.B. sog. Betablocker oder das körpereigene Hormon Cortisol. Diese Substanzen werden derzeit in größeren, kontrollierten Studien erprobt. Auch psychotherapeutische Methoden zur Stressbewältigung bzw. Stressreduktion könnten effektiv sein, da diese ebenfalls in die erwähnte hormonelle Regulation der Stressantwort eingreifen.

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