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Geschrieben von Dr. Michael Murrmann-Kahl, Tutzing

Theologische Abschlussüberlegungen aus dem KSA-Kurs Sommer 2004 am Klinikum der LMU München-Großhadern

Pfarrer Dr. theol. Dr. habil. Michael Murrmann-Kahl, Tutzing

Konsequenzen der Erfahrungen in der Klinikseelsorge (u. bes. Ber. der Intensivmedizin) für meinen Glauben und meine Theologie  

Meine eigene Theologie hat sich im Kontext der neuzeitlichen philosophischen Theologie seit der Aufklärung, Kant und Hegel gebildet (spekulative Theologie, Paul Tillich, Falk Wagner). Sie geht daher vom modernen Religionsverständnis aus und versteht Theologie als „Theorie der (christlichen) Religion“. Dabei ist der Religionsbegriff selber von einer „anspruchsvollen Unschärfe“ (Kurt Nowak), weil er sowohl auf die Allgemeinheit (gegenüber spezifischen Offenbarungsreligionen) als auch auf die individuelle Unverrechenbarkeit (jede/r hat seine/ ihre Religion) abhebt. Unter den Bedingungen der Moderne wird ersten ein Transformationsprozess des traditionellen Christentums und Protestantismus („Neuprotestantismus“ nach Ernst Troeltsch) eingeleitet und gefordert und zweitens der Sinn von Religion durch die sog. radikal-genetische Kritik von Religion überhaupt seit Feuerbach in Frage gestellt. In diesem Kontext scheint die einzige Rechtfertigung von Religion und Christentum in der Tat nur noch durch die „Flucht in den Begriff“ (Falk Wagner mit Hegel) möglich zu sein.

Angesichts der sehr spezifischen Erfahrungen mit Seelsorge auf der Intensivstation stellt es sich heraus, dass die genannte Theorietradition zwar für unser Wach- und intellektuelles Bewusstsein in der modernen Welt relevant sein kann, insgesamt aber für den Menschen und seine Religion als eine kognitiv-intellektualistische Verkürzung bewertet werden muss. Denn es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die außerordentlichen Bewusstseinszustände der Komapatienten auf die „voraufklärerischen“ und evolutiv erworbenen, basalen Schichten des Menschen zurückführen, die ihrer eigenen „Logik“, nicht aber der Vernunft folgen. Somit begegnet der Seelsorge auf den Intensivstationen eine pristine Welt mit ihren Vorstellungen und Gesetzmäßigkeiten (aus der „Steinzeit“), auf die sie sich einstellen muss. Was aber für die Seelsorge evidente Realität ist, kann für Exegese und Systematik schlechterdings nicht „Nichtrealität“ sein. Insofern ist der moderne Versuch, die voraufklärerische Welt und die Logik pristiner Weltbilder durch einen Fortschritt an Vernunft und formal-relationalem Vermögen einfach abzulösen, als gescheitert anzusehen.

Die seelsorgerliche Erfahrung macht damit spannende Revisionsprozesse neuzeitlicher systematischer Theologie unausweichlich. An die Stelle einseitiger Fortschrittsmodelle (Säkularisierungstheoreme) müssten mindestens Modelle der „gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit“ treten, da die außergewöhlichen Bewusstseinzustände jenseits des Wachbewusstsein in jedem Menschen grundsätzlich immer vorhanden und in gewisser Hinsicht auch abrufbar sind (vgl. schon Schlaf und Traum). Dann aber muss das Religionsverständnis weit vor allen rationalen und sprachlichen Ausformungen, weit auch vor Gottesbewusstsein und Gottesgedanke angesiedelt werden. Die Möglichkeit einer einfachen rational-religionskritischen Erledigung von Religion besteht folglich erst recht nicht. So stößt man auf das Paradox, dass man gerade auf der äußersten Spitze neuzeitlich technischer Welt- und Naturbeherrschung, auf der Intensivstation als deutlichster Ausdruck der sog. „Apparatemedizin“, auf die unmittelbare Rückkehr der Natur und ihrer vorrationalen und evolutiv erworbenen, archaischen Überlebensstrategien trifft. Entsprechend muss auch die Seelsorge (gehalten in der ökumenischen Gemeinschaft der Glaubenden) unter diesen Bedingungen agieren. Das aus dem biblischen Weltbild Bekannte (Engel und Dämonen, „Bannkreise“) gewinnt hier oft eine unmittelbare und durchschlagende Realität.

Aus diesen Erfahrungen den Funken einer theologischen Neubesinnung zu schlagen, könnte (m)eine lohnende Zukunftsaufgabe sein.

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