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anläßlich des Kurses "Seelsorge auf der Intensivstation" im Mai 1997

Zu diesem Haus gehören eine große Anzahl von Intensivstationen, das ist das Besondere dieses Klinikums. Es sind, glaube ich, elf oder zwölf solcher Stationen hier. Sie sind für die Arbeit dieses Klinikums für die Medizin und die Forschung ein Kernstück, und da ist es auch so gewesen, daß wir von der Seelsorge natürlich unser Aufgabenfeld dort gesehen haben und uns da auf den Weg hingemacht haben. Und ein Schritt ist dann dem anderen gefolgt: wir haben dann gesehen, in welchen Zuständen diese Menschen sind, es sind Sterbende da, Menschen die sediert sind durch Nakotika, es sind Menschen, von denen wir nicht wissen, in welchem Zustand sie sich befinden, und es stellt sich sofort die Frage, wie die Art der Kommunikation ist mit solchen Menschen, um seelsorgerlich da tätig zu sein und unseren Dienst an diesen Menschen zu tun. Also die Frage: was können wir tun, sie auf ihrem Weg zu fördern und zu unterstützen. Un da ist es eigentlich relativ nahegelegen, wie wir den Büchern von Arnold Mindell begegnet sind, da haben wir etwas von dem beschrieben gefunden, was wir auf der Intensivstation erleben, und so ist ein Schritt nach dem anderen gefolgt, und ich habe mich, wie du weißt, vor einiger Zeit an dich gewandt, um dich um Supervision zu bitten, speziell für diesen Teil der Arbeit und um auch mal die eigene Arbeit unter die Lupe zunehmen, und ich habe dich gebeten um Unterstützung bei diesem Projekt, das wir hier in dieser Woche haben, eine Woche lang: ein Kurs &dbquo;Seelsorge auf der Intensivstation".

Was ist dir bis jetzt in dieser Arbeit besonders hilfreich erschienen?

Hilfreich erschienen ist mir, daß ich von einem Druck weggekommen bin. Mir ist deutlich geworden: unsere normale Art zu kommunizieren im Gottesdienst oder sonst in seelsorgerlichen Gesprächen basiert auf der Fähigkeit beider Teile, sich verbal äußern zu können; und hier ist mir nun ein Weg gezeigt worden, wie ich tätig sein kann, auch mit meinen Kräften, auch mit meinen Emotionen, auch mit meiner Sprache und vor allem mit meiner Wahrnehmungsfähigkeit, mit meiner Aufmerksamkeit, ohne daß ich darauf angewiesen bin, daß mein Gegenüber mir in irgendeiner Weise ein Signal gibt, daß ich mich daran orientieren kann. Langfristig kommen diese Signale dann schon oder ich kann auch mein Augenmerk darauf richten, daß sie kommen. Das fand ich sehr sinnvoll. In gewisser Weise ist es auch eine Ergänzung zu dem, was ich in der Psychiatrie erlebt habe, da waren es ähnliche Probleme, die sich ein wenig anders wieder gestellt haben, aber hier ist es nun ganz speziell in diesem Zusammenhang das Achten auf die körperlichen Signale. Mich interessiert einfach enorm, welche Bedingungen es sind, die Menschen in diesen ganz extremen Situationen überleben lassen.

Was hat sich durch dieses Tun in deiner Haltung vielleicht verändert oder erweitert von deinem ursprünglichen Seelsorgeauftrag?

Ich habe gemerkt, daß meine Verantwortung viel größer ist als ich sie anfangs vermutet hatte. Also mir einfach einmal klarzumachen, daß unter Umständen von so einem Zugang abhängt, ob ein Mensch Lust, hat noch einmal zurückzukommen auf diese Erde, was schwer genug ist, und diese Mühsal noch einmal auf sich zu nehmen. Diese Verantwortung zu spüren, daß es über das, was normalerweise in einem Gespräch geht, hinausgeht, daß es darum geht, daß ich Interesse habe an dem Überleben eines Menschen. Aber ich auch wiederum nicht dran hängen darf, weil es mich dann wieder einengt, sondern daß ich eigentlich ein Interesse habe an ihm und an seinem Weg und wie er sich entscheidet. Das ist eine größere Verantwortung. Es sieht immer nach außen so aus, als wäre das ein Spezialgebiet kirchlicher Seelsorge und vor allem nach Krankenseelsorge, aber es könnte auch etwas Exemplarisches für kirchliches Tun darin liegen, daß wir uns unabhängig machen von dem, wie Leute auf uns reagieren und zu unserer Sache verantwortlich stehen.

Was ist das Rätselhafte oder auch Schwierigste an diesem Auftrag, den du da versuchst zu erfüllen?

Es sind für mich unterschiedliche Dinge. Schwierig ist es, daß es in einem Umfeld geschieht, das rein auf die somatische Medizin ausgerichtet ist, wo diese Seite des menschlichen Lebens, die seelische Seite des Menschen, oftmals ausgeblendet werden muß. Ich kritisiere das gar nicht. Das ist schwierig. Rätselhaft ist eine sehr umfassende Frage. Rätselhaft ist es deswegen, weil es Leben an der Grenze ist, Leben in Entscheidungssituationen, Leben in Krisen, Leben außer Kontrolle, und damit die ganze Bandbreite dessen repräsentiert, was menschliches Leben überhaupt ist.
Menschliches Leben ist rätselhaft, daß du hier sitzt, und daß ich hier sitze, das ist rätselhaft.